Russland Bashing, Volkssport Nummer 1?

Sicher, ein unschuldiger Chorknabe ist Russlands Staatspräsident Putin nicht und viele der in Russland passierenden Ungerechtigkeiten schreien zum Himmel. Nichtsdestotrotz erscheint er mir momentan fast sympathisch. Hauptgrund dafür ist das politische Asyl, welches der Whistleblower Edward Snowden in Russland geniest, nachdem es ihm von vielen anderen Staaten verweigert worden war. Verweigert vor allem aus politischen Gründen und Angst vor der USA und möglichen Konsequenzen. Um die Interessen der USA schert sich Putin bekanntlich wenig und so scheint er jede sich ihm bietende Möglichkeit zu nutzen, den arroganten Amis gegen den Karren zu fahren. Das wissen natürlich auch die Amerikaner und nutzen sich jede ergebende Chance, Russland und hier vor allem den Kreml als die Quelle allen Übels darzustellen.

Dazu Gelegenheit ergab sich vor ein paar Tagen, als ein Video im Netz auftauchte mit einem heimlich mitgeschnittenen Telefonat der US-Diplomatin Victoria Nuland, wo sie sich zur europäischen Ukraine Politik mit den treffenden Worten „Fuck the E.U.“ äußert. Ein Schuldiger für das Online stellen dieses Videos war innerhalb kürzester Zeit gefunden und anstatt sich zu entschuldigen (was sie später auch kleinlaut tat), schoss sie erstmal in Richtung Russland mit der Aussage, daß es nicht in Ordnung sei, solche Gespräche abzuhören und dann auch noch ins Internet zu stellen. Ach so, Abhören ist also nicht okay. Tja da könnt Ihr mal schön weiterjammern, während IHR den Rest der Welt abhört und Euch auch nicht um unsere Befindlichkeiten kümmert.

Wenn man die Berichterstattung der letzten Monate verfolgt, könnte man meinen, wir befinden uns wieder im Kalten Krieg. Russland ist böse, alles Schlechte der Welt geht von Putin aus und der Böse nutzt die olympischen Winterspiele, um sich in Szene zu setzen. Fast alles, was man im Zusammenhang mit Sotschi zu sehen oder lesen bekommt, hat immer einen negativen Beigeschmack und dient dazu, Russland im schlechten Licht zu präsentieren. Aber ist das wirklich fair?

Mit großer Spannung habe ich die Eröffnungsfeier zu den 22. Olympischen Winterspielen im ZDF mitverfolgt und war über die grottenschlechte Moderation von Anne Gellinek und Wolf-Dieter Poschmann nicht nur geschockt sondern auch genervt. Anstatt den Sport in den Vordergrund zu stellen, wurde immer wieder mal sehr offensichtlich und dann wieder versteckt (aber immer noch dumm) gegen das Gastgeberland gewettert. So hätten sie zum Beispiel auch die schlechten Episoden ihrer Geschichte zeigen müssen, nicht nur das Gute. Haben die Briten bei den Sommerspielen fragwürdige Kapitel ihrer Geschichte gezeigt? Oder die Kanadier in Vancouver? Natürlich zeigt sich jeder immer nur von seiner guten Seite, warum sollte man Russland diesen Anspruch nicht auch zu sprechen? Welches Zielpublikum man mit dieser Moderation anzusprechen versuchte weiß ich nicht, aber ich hatte das Gefühl, daß es sich hier wohl eher um die Nachmittags-Talkshow-Zuschauer handelte. Man mußte nicht unbedingt die sexuelle Orientierung der Mädchenband t.A.t.u. erwähnen oder wem eine Affäre und eventuelle Kinder mit Putin angehängt werden. Und daß das olympische Feuer vielleicht sogar von Putin selbst, mit freiem Oberkörper auf einem weißen Schimmel ins Stadion reitend, entzündet werden könnte, war absoluter Schwachsinn.

Die Negativpresse über Sotschi möchte ich mal ein bißchen entschärfen.

1. Festung Sotschi: Der ein oder andere in den Medien beschwert sich über scharfe Sicherheitskontrollen und vergißt dabei, daß dies leider ein Übel der heutigen Zeit ist. Wenn die Amerikaner noch vor den Spielen Terrorwarnungen herausgeben dann muß darauf mit aller Härte reagiert werden. Außerdem waren die Sicherheitsvorkehrungen in London sicherlich nicht weniger streng. Und aus eigener Erfahrung in Vancouver kann ich nur sagen, daß man immer unter Beobachtung steht und überall kontrolliert wird, sich aber ganz gut damit arrangieren kann, solange dies auf eine Art und Weise geschieht, die den Gegenüber nicht einschüchtert und die Menschenwürde nicht einschränkt. Die Athleten kennen dies von anderen Olympischen Spielen und so hört man keine Klagen von ihnen. Nur eben wieder von den Medien. Im Übrigen hat jemand (habe den Namen vergessen) im Zusammenhang mit den Winterspielen 2010 gesagt, daß sich jede Olympiade in Sachen Ausgaben für die Sicherheit übertreffen wird (und muß) weil man eben Zwischenfälle jeglicher Art vermeiden muß. Wie groß wäre das Geschrei, wenn etwas Ähnliches wie 1972 in München passieren würde, wo 11 israelische Athleten als Geiseln genommen wurden und verstarben?

2. Umweltzerstörung durch den Bau der Sportstätten: Bei der Vergabe der Spiele durch das IOC wird u.a. auch die Nachhaltigkeit der Wettkampfanlagen geprüft. Wenn man nun also Russland der zweifelsohne geschehenden Vernichtung von Umweltressourcen verantwortlich macht, muß man dann nicht auch das IOC ins Visier nehmen? Leider ist es doch nun mal so, daß bei all diesen Vorhaben wirtschaftliche Interessen gegenüber der Umwelt den Vorrang bekommen und lieber neuere und bessere (technologisch fortgeschrittenere) Stadien gebaut werden, als die bereits vorhandenen Wettbewerbsstätten zu nutzen. Genau aus diesem Grund haben doch die Bayern in einem Volksentscheid vor ein paar Monaten eine erneute Bewerbung Münchens für eine erneute Ausrichtung der Winterspiele abgelehnt, weil sie sich um die Umwelt und die Folgen dieser ins unermeßlich ausgearteten Großveranstaltungen sorgten.

3. Menschenrechtsverletzungen: Dabei werden komischerweise immer nur die Rechte der Homosexuellen genannt. Diese werden auch in anderen Teilen der Welt nicht so gleichberechtigt behandelt, wie sie es sollten. Selbst in Deutschland, in Baden-Württemberg hat es der Kultusminister abgelehnt, Homosexualität in das Fach Aufklärung in der Schule zu integrieren, weil man für diesen Lebensstil keine Werbung machen sollte. Und wie schaut es eigentlich mit Homosexuellen und deren Rechte in Katar aus, die die Fußball WM 2018 austragen?

Irgendwie hab ich das Gefühl, daß hier der Sport als Mittel zum Zweck genutzt wird, um sich medienwirksam aufzuregen. Da werden Sportler, Trainer & Co dazu aufgefordert, die Spiele zu boykottieren, um auf all die Mißstände aufmerksam zu machen. Liebe Politiker, liebe Medien, wenn Ihr wirklich was verändern wollt, dann tut dies durch Eure Arbeit und benutzt nicht die Sportler, die jahrelang hart für diese 2 Wochen trainieren. Nach der Olympiade wird kein Hahn mehr nach den Homosexuellen in Russland krähen, davon kann man ausgehen. Dann ist das Großereignis vorbei und die Möglichkeit, sich medienwirksam ins Rampenlicht zu stellen vorübergezogen.

Ich jedenfalls lasse mich von der hinterhältigen und hetzerischen Berichterstattung nicht vom eigentlichen Thema ablenken und möchte die Spiele genießen. Für die deutschen Athleten hoffe ich, daß sich ihre harte Arbeit auszahlt und sie möglichst viele Medaillen mit nach Hause bringen werden.

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