Die Entwicklung der Löhne in Deutschland

Der öffentliche Dienst streikt – mal wieder. Kindergärten sind geschlossen, Flüge werden gestrichen, der Müll nicht abgeholt und im öffentlichen Nahverkehr klappt auch nicht alles so nicht reibungslos wie sonst. Die meisten Leute nehmen es gelassen und haben Verständnis für die Streikenden. Vielleicht sind sie sogar ein bißchen neidisch?

Der öffentliche Sektor ist an einen Tarifvertrag gebunden, der in regelmäßigen Tarifrunden zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgebern (hier Städte und Kommunen) ausgehandelt wird. Beschäftigte in anderen Branchen Deutschlands haben es aufgrund fehlender Tarifbindung nicht so gut. In den letzten Jahren ist die Tarifbindung in Deutschland stark zurückgegangen; laut Studie der Hans-Böckler- Stiftung von 1996 70% (Westen) und 56% (Osten) auf 54% (Westen) und 37% (Osten) in 2011. Gründe für den Austritt der Betriebe aus dem Branchentarif werden in der Studie u.a. angegeben mit zu hohen Löhnen, zu kurzer Wochenarbeitszeiten und ein zu starrer Tarifvertrag, der in Zeiten der Globalisierung nicht flexibel genug sei. (1)

Schauen wir uns die Lohnentwicklung der letzten Jahrzehnte in Deutschland an, stellen wir fest, daß die Reallöhne extrem gesunken sind. Sehr beispielhaft wird dies dargestellt in den folgenden Schaubildern, die ich maskenfall.de entnommen habe. Einige ihrer Erklärungen gebe ich hier wieder, für weitergehende Informationen bitte den gesamten Artikel unter Link 2 lesen.
bild1

Die rote Kurve präsentiert die Löhne. Mitte der 80er Jahre kommt es zu einer stagnierenden Lohnentwicklung aufgrund eines starken Anstiegs der Arbeitslosigkeit, die wiederum auf die Ölkrise Anfang der 80er zurückzuführen ist. Danach erholen sich aber Produktivität und Lohnentwicklung und steigen beide (allerdings nicht gleichermaßen) wieder an. In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung stagniert die Produktivität aufgrund von Defiziten in den neuen Bundesländern, steigt aber seit 2000 kontinuierlich; die Löhne tun es leider nicht und entwickeln sich in die entgegengesetzte Richtung. Erwähnen muß man hierbei unbedingt, daß in diesen Zeitraum auch die Einführung der Hartz IV Gesetze durch die damalige SPD Regierung fällt, sowie andere Ausbeutermodelle wie zum Bespiel die Ein-Euro-Jobs.

Das nächste Schaubild ist noch aussagekräftiger:
bild2

Hier geht man von dem folgenden Prinzip aus: Anstieg des Bruttolohns um den gleichen Betrag wie der von den Beschäftigten geschaffene Wertezuwachs im Unternehmen. Die Differenz (also der fehlende Betrag vom Lohn) wird als Lohnzurückhaltung bezeichnet. 0% entspricht also einer fairen Entlohnung der Arbeitnehmer und Beteiligung an Produktivitätssteigerung und damit einhergehenden Gewinnsteigerungen. „Nach dem Inkrafttreten von Hartz IV war die Lohnzurückhaltung bereits zunächst auf einen historischen Rekordwert von 15,8% gestiegen, nahm dann in der Zeit der Großen Koalition auf den Spitzenwert von 19,2% (2008) zu und verharrt seit 2010 zwischen 14,8% und 16,9%. Das entspricht einem jährlichen Fehlbetrag in der Lohntüte aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zusammen von ca. 175 Milliarden Euro (brutto). Für den gesamten Zeitraum (1970-2013) ergibt sich ein zusätzlicher “Erbeutungsbetrag” (Summe der Lohnzurückhaltung) der Arbeitgeber von 2,1 Billionen Euro (brutto).”

Dabei muß man leider auch berücksichtigen, daß sich die Löhne nicht gleichmäßig für alle verschlechtert oder verbessert haben. Das Gefühl vieler, daß die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird läßt sich mit Zahlen gut belegen und mit Schaubildern noch besser darstellen: (nachdenkseiten.de vom 11.März 2014) (3)
bil3

Entnommen habe ich die 2. Grafik einem Artikel auf dem Funktionale Staatsfinanzen Blog (unter Link 4 ), auf der deutlich zu sehen ist, wie die Reallöhne bei den Besserverdienenden (rote Kurve) in den letzten 15 Jahren um ca. 10% gestiegen und für die Gruppe der weniger Verdienenden um ca. 10% gesunken sind. Und diese Grafik enthält nur die ganztags sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, also keine Teilzeitbeschäftigten oder Minijobber! Und gerade hier sind die Einkommensverluste noch viel höher.

bild4

Die Forderung nach Mindestlöhnen ist nicht neu, ist aber im Wahlkampf 2013 mal wieder hochgekocht und dermaßen übergekocht, daß dieses Thema von der Politik nicht mehr länger vermieden werden konnte. Verfolgt man die Debatte um den Mindestlohn und die vorgebrachten Argumente, kann man immer recht schnell und eindeutig zuordnen, wer auf welcher Seite steht. Die Arbeitgeberverbände warnen vor Arbeitsplatzverlust und sinkender Investitionsfähigkeit der Unternehmen (die war vorher schon gering, aber das hat andere Ursachen), die sozialen Verbände und einige (wenige) Parteien sprechen von gerechteren Löhnen, der Wahrung der Menschenwürde und dem noch nicht überall angekommenen Bedürfnis der meisten Menschen, von einer Vollzeitarbeitsstelle auch leben zu können. Die Gewerkschaften scheinen auch endlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht zu sein und fordern (leider auch nicht einheitlich und geschlossen) ebenfalls einen Mindestlohn. Hätten sie in den letzten Jahrzehnten nicht so kläglich versagt und sich auf die Seite der Arbeitgeber geschlagen, anstatt sich um ihre (zahlenden!) Mitglieder zu kümmern, würden wir gar nicht erst in dieser Misere stecken! Aber viele Gewerkschaftsbosse haben sich wohl zu nahe und zu lange im Einflußbereich von Politik und Wirtschaft aufgehalten, daß sie ihr eigentliches Ziel aus den Augen verloren haben. Damit einhergehend ging der Rückgang der Mitgliederzahlen und daraus resultierender Status- und Machtverlust und weniger Verhandlungsmacht in den Tarifrunden.
Die Politik hat ihr Übriges getan und einen Austritt aus der Tarifbindung zugelassen und so haben viele Unternehmen die ihnen gebotenen gesetzlichen Rahmenbedingungen genutzt. Wie sich das auf die Löhne ausgewirkt hat, haben wir weiter oben gesehen.

Machen wir uns nichts vor, ein Mindestlohn von 8,50 € läßt ein Leben im Schlaraffenland nicht zu, auch wenn man uns immer gern weismachen möchte, man sei damit extrem großzügig. Für viele sind 8,50 € nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Mindestlohn soll 2015 kommen, leider mit vielen Ausnahmen, und für 2 Jahre festgeschrieben. Schon heute sind 8,50 € nicht wirklich genug zum Leben, in 3 Jahren ist er aufgrund der Inflation noch weniger Wert. Aber schön, daß sich wieder alle zufrieden auf die Schultern klopfen. In gewisser Hinsicht verstehe ich die Bedenken der Wirtschaft, vor allem der kleineren Unternehmen ( nicht nur im Osten), für die solche Löhne eine hohe Belastung darstellen. Die Arbeitgeberverbände beziehen sich immer ganz gern darauf, daß wir alle gleichberechtigte Partner auf dem Markt seien und wir demnach auch unsere Löhne ohne Einmischung der Politik frei verhandeln können. Dem ist leider nicht so, gerade auf dem heutigen Arbeitsmarkt. Wer kann denn heutzutage noch sein Gehalt mit seinem Chef verhandeln? Man gibt sich mit dem angebotenen zufrieden oder man kriegt die Stelle nicht, so einfach ist das. Aufgabe der Gewerkschaften war es ja gerade, den Arbeitnehmer durch Verhandeln im Kollektiv zu stärken und somit seine schwächere Position gegenüber dem Arbeitgeber auszugleichen. Dieser Aufgabe sind sie nicht in vollem Umfang nachgekommen und so muß sich nun eben die Politik einschalten; in ihrer vollen Regulierungswut und Unfähigkeit wirklich tragfähige und an der Realität angelehnte Konzepte zu entwickeln. Vielleicht hätte man auch im Wahlkampf weniger versprechen beziehungsweise differenzierter vorgehen sollen. Aber das kann man dem unbildeten Pöbel ja nun wirklich nicht zumuten und was interesiert mich mein Geschwätz von gestern?

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