Demonstrationsrecht in Osteuropa ist Thema bei deutschen Politikern und Journalisten – in Südeuropa nicht (von Wirtschaft und Gesellschaft)

Heute mal wieder ein Artikel aus fremder Feder, diesmal gefunden auf www.wirtschaftundgesellschaft.de. Es geht um die vielgepriesene Pressefreiheit und darum, was man in Deutschland daraus macht. Dass die deutsche Bevölkerung nichts davon erfährt, wenn die Leute in Griechenland oder Spanien wegen der unmenschlichen Kürzungen im sozialen Bereich auf die Straße gehen und ihrem Unmut freien Lauf lassen. Wer hat schon von unseren Medien erfahren, dass die Zuschüsse für die griechischen Hochschulen in den letzten Jahren um 46% gesunken sind?! Soziale Unruhen in diesem ach so tollen Europa darf es einfach nicht geben, deswegen wird nicht über sie berichtet, aus Angst, dass sich Leute in anderen Ländern dazu anstecken lassen und ebenfalls auf die Straße gehen.
—————————————————–
Fast im Vorbeigehen erfuhren es diejenigen, die sich am 7. Juni an sich nur über das Bildungswesen in Griechenland informieren wollten oder, wie wahrscheinlich die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer, die die Sendung Pisaplus im Deutschlandfunk gerade durch Zufall eingeschaltet hatten (Quelle: hier): “Erst die Androhung der Regierung, das Kriegsrecht über die Hochschulen zu verhängen, schüchterte Studierende und Uni-Angehörige derart ein, dass sie von ihren Protesten abließen.” Googelt man “Kriegsrecht Griechenland Universität” findet man kein einziges bekanntes deutsches Medium, das darüber im vergangenen Jahr berichtet hätte. Was für ein Kontrast gegenüber der deutschen Berichterstattung über und den Bekundungen deutscher Politiker gegenüber der Entwicklung in der Ukraine, in Russland und in anderen Ländern Osteuropas.

Dieselbe Sendung informierte darüber, dass “nach einer Erhebung der European University Association der griechische Staat die Zuschüsse an den Hochschulen im Land im Zeitraum von 2009 bis 2013 um 46 Prozent (kürzte)…Nicht zuletzt die Jugendarbeitslosigkeit, die auch bei Jung-Akademikern bei nahezu unvorstellbaren 60 Prozent und darüber liegt, führte erst zu heftigen Protesten, dann auch zu einem vier Monate anhaltenden Streik an acht griechischen Unis, darunter auch die Universität von Athen.”

Vier Monate Streik, heftige Proteste, Androhung des Kriegsrechts, alles kein Anlass für den Deutschlandfunk und für die anderen öffentlich-rechtlichen Medien zum Zeitpunkt des Geschehens darüber zu berichten? Immer aber war dafür in den deutschen Medien Raum, die vermeintlich notwendigen, alternativlosen, beschönigend “Reformen” genannten, in den betroffenen Ländern eine soziale und ökonomische Wüste hinterlassenden staatlichen Ausgabenkürzungen, Lohnsenkungen und den Abbau von Arbeitnehmerrechten zu vermitteln. Wenn das kein Medien-Skandal ist, was dann? Wenn das kein politischer Skandal ist, was dann?

Und das gilt nicht allein für die Ereignisse in Griechenland. Wir haben am Ende des vergangenen Jahres über eine ähnliche Entwicklung in Spanien berichtet, auf die wir nicht durch die Berichterstattung in den deutschen Medien aufmerksam geworden sind, sondern durch ein zufälliges Gespräch mit Spaniern in Berlin (Alltag im Regierungsviertel/Eurokrise: Vier Spanier erzählen). Auch in Spanien wurde das Demonstrationsrecht massiv eingeschränkt.

Wie kann es sein, dass wir nichts oder wenn, nur durch Zufall darüber erfahren, obwohl wir doch alle den öffentlich-rechtlichen Medien kostspielige AuslandskorrespondentInnen finanzieren, obwohl doch alle vermeintlich seriösen Journalisten und Herausgeber das hohe Lied von der Pressefreiheit singen, so oft und so laut es irgendmöglich geht? Diese aber berichten nicht selten nicht nur auffallend einseitig, wie über die Entwicklung in Osteuropa (siehe zum Beispiel hier); sie berichten anscheinend überhaupt nicht, wie über die Aushebelung des Demonstrationsrechts in Südeuropa, wenn es nicht ins herrschende Bild passt, das Politik und Medien in Deutschland so erfolgreich wie zerstörerisch verbreiten.

Fehlende Pressefreiheit ist ein Verbrechen, ein Vergehen gegen die Demokratie. Sie nicht zu nutzen, wenn es sie gibt, wie in Deutschland, sei es aus beruflichem und politischem Opportunismus oder aus ideologischer Überzeugung, ist noch viel verwerflicher.

————————————–
Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse & Meinung finanziert sich ausschließlich über Abonnements und Spenden. Noch sind diese nicht Existenz sichernd. Guter Journalismus muss bezahlt werden, um zu überleben. Deswegen:

Abonnieren Sie Wirtschaft und Gesellschaft – Analyse & Meinung oder spenden Sie bitte an:

Kontoinhaber: Thorsten Hild
Kontonummer: 5400653788
Bankleitzahl: 500 105 17
BIC: INGDDEFF
IBAN: DE53500105175400653788

Advertisements

Tags: , , ,

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: