Jürgen Todenhöfer: DER KREISLAUF DES TODES “Was stört Politiker ihr Geschwätz von gestern?”

DER KREISLAUF DES TODES
“Was stört Politiker ihr Geschwätz von gestern?”

Liebe Freunde, jeder, der ein Herz für Schwächere hat, fühlt mit den Jesiden und den Kurden. Und möchte helfen. Auch ich. Kaum ein Volk ist von der Geschichte so verraten worden ist wie die Kurden. Die UNO sollte daher den Kurden und Jesiden dringend helfen. Humanitär, aber auch durch militärischen Schutz der Zivilbevölkerung. Sehr schnell, sehr massiv. Dafür ist sie da. Auch Deutschland sollte humanitär mehr tun. Wenn allerdings die USA und Europas Ex-Kolonialmächte plötzlich ihr Herz für die Kurden entdecken, werde ich misstrauisch. Die haben ihnen noch nie geholfen. Sie haben sie mehr als einmal verraten. Das 1920 im Friedensvertrag von Sèvres. versprochene Recht auf Selbstbestimmung durften die Kurden nie ausüben.

Der Westen bombardiert den Irak seit über 90 Jahren in regelmäßigen Abständen. Zeitweise mit chemischen Waffen. “Mit ausgezeichneter moralischer Wirkung”, wie Churchill damals zufrieden feststellte. ‘Bomber Harris’, der berüchtigte Erfinder des ‘moral bombing’, erklärte nach einem Luftangriff stolz: “Die Araber und Kurden wissen jetzt, was ein richtiges Bombardement ist. In 45 Minuten fegen wir ein ganzes Dorf weg”. All das kann man verzeihen. Vergessen sollte man es nie.

Ohne die westliche Politik gäbe es auch das augenblickliche Hauptproblem der Kurden, den ‘Islamischen Staat’ (IS) nicht:
Jahrelang haben die USA die Waffenlieferungen Saudi-Arabiens und anderer Golfstaaten an syrische Terroristen wohlwollend durchgewinkt. Saudi-Arabien – Deutschlands angeblicher ‘Stabilitätsanker’- besitzt ja Waffen im Überfluss. Vor allem westlicher, auch deutscher Produktion. Aus einigen dieser von den Saudis ausgerüsteten Organisationen entstand ISIS, die sich später in ‘Islamischer Staat’ (IS) umbenannte.

Die USA und zahlreiche europäische Staaten lieferten auch direkt Waffen an syrische Rebellen. An ‘gemäßigte’, wie sie sagten. Sie verschwiegen, dass die terroristischen Gruppen damals schon so stark waren, dass sie die gemäßigten Gruppen jederzeit zwingen konnten, ihnen die besten westlichen und saudischen Waffen auszuhändigen.

Unzählige Male habe ich öffentlich vor dem Erstarken des Terrorismus in Syrien gewarnt. Vor den tödlichen Gefahren, die diese Entwicklung für die ethnischen und religiösen Minderheiten des Landes bedeutete. Nicht nur für die Christen.
‘Verschwörungs-Theoretiker’ nannten mich meine Gegner. Und lachten homerisch. Die Minderheiten in Syrien und im Irak zahlen für dieses ignorante Desinteresse heute einen hohen Preis.

Jetzt fordern dieselben Leute Waffen gegen die zu einem erheblichen Teil aus Syrien kommendenTerroristen. Die es angeblich gar nicht gab. Die sie jedoch selbst mit groß gezogen haben. Nun tun sie, als sei nichts gewesen. Nach dem berühmten Politiker-Motto: “Was stört mich mein dummes Geschwätz von gestern?” Der Terrorismus im Mittleren Osten ist unser eigenes Produkt. Er ist inzwischen so stark, dass er Saudi-Arabien und den Westen überhaupt nicht mehr braucht. Eines seiner nächsten Ziele könnte Saudi-Arabien sein. Der größte Terrorsponsor der Welt. Die Revolution frisst ihre Väter. Terrorismus kennt keine Dankbarkeit. Saudi-Arabien fürchtet seine eigenen Zöglinge inzwischen wie der Teufel das Weihwasser. Es kauft deshalb aufgeregt weitere westliche Waffen. Wenn ISIS und Al Qaida eines Tages das saudische Königshaus wegfegen, sind sie über Nacht eine militärische Großmacht. Das wäre eine weitere strategische ‘Glanzleistung’ der westlichen Politik!

Zahlreiche Ex-Kolonialmächte liefern jetzt Waffen an unsere bedrängten kurdischen Freunde. Dafür gibt es gewichtige Argumente. Aber noch gewichtigere sprechen dagegen. Wetten, dass wir einen Teil dieser Waffen demnächst, wie gehabt, in den Händen irgendwelcher ausländischer Terror-Organisationen sehen werden? In Mali, Zentralafrika, Nigeria, usw. Und dann dort wieder militärisch intervenieren sollen. Aus ‘humanitären Gründen’. Das ist keine zu Ende gedachte Politik, das ist Stümperei. Die westliche Politik hat im Mittleren Osten den Durchblick verloren.
Was tun? Ich weiß, dass es auf diese Frage keine leichte Antwort gibt. Klar ist, dass wir die Kurden und Jesiden jetzt nicht allein lassen dürfen. Das ISIS-Problem gäbe es ohne den Westen ja gar nicht. Wir sind mitschuld an der kurdisch-irakischen Tragödie. Daher sage ich ‘Ja’ zu UNO- Blauhelmen und zu massiver humanitärer Hilfe. Doch ‘Nein’ zu westlichen Bombardements und westlichen Waffen. Es gibt nicht zu wenig, sondern zuviel Waffen im Mittleren Osten. In zahlreichen Ländern des Mittleren Ostens fliegen sie uns jetzt schon um die Ohren. Die 500.000 Mann starke irakische Armee, die mindestens 100.000 legendären Peschmergas und hoffentlich recht bald auch der gemäßigt sunnitische Widerstand sowie die sunnitischen Stämme, die über 50.000 bewaffnete Kämpfer verfügen, müssen die 5.000 IS-Terroristen militärisch selbst stoppen.

Mittelfristig werden wie unsere Mittel-Ost-Politik ohnehin total ändern müssen. Wenn wir den Terrorismus wirklich überwinden wollen. (Wollen die USA das wirklich?) 2007 unterhielt ich mich im umkämpften Ramadi lange mit einem jungen Al Qaida- Kämpfer. Er hatte sich der grauenvollen Terrororganisation angeschlossen, weil amerikanische GI’s seine Mutter vor seinen Augen erschossen hatten. Ich habe seine Motivation trotz seiner Trauer über den Tod seiner Mutter nicht verstanden. Auch er war sich nicht sicher, ob seine Entscheidung richtig war.
Am Ende unseres langen Gesprächs sagte er leise: “Im Grunde ist alles einfacher als Ihr glaubt. Hört auf, die arabische Welt zu überfallen und zu demütigen. Haut ab aus unseren Ländern. Dann wird Al Qaida von alleine verschwinden”.

Die führenden westlichen Politiker sollten darüber ernsthaft nachdenken. Wir werden dem Kreislauf des Todes sonst nie entkommen.

Euer JT

Quelle: https://www.facebook.com/JuergenTodenhoefer/posts/10152391803030838

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