Das Schaufenster des Ostens (von ad sinistram)

Da habe ich gestern noch vom Unrechtsstaat DDR geschrieben und heute finde ich diesen Artikel, den ich unbedingt mit Euch teilen möchte. Ich  möchte noch ein mal betonen, dass ich nichts von dem schön reden möchte, was an Unrecht in der DDR geschehen ist, aber ich finde, wir sollten unseren moralischen Zeigefinger nicht ständig gegen die DDR erheben und so tun, als ob wir alles besser und gerechter machen würden. Wo es doch so offensichtlich ist, dass wir uns ebenso als Unrechtsstaat Deutschland bezeichnen müssen, denn viele Dinge laufen auch hier aus dem Ruder. Unrechtsstaat möchte ich dabei mit Bananenrepublik gleichsetzen, denn leider ist es so, dass das geltende Recht konsequenzlos von einigen wenigen immer wieder gebrochen werden kann, während Otto Normalbürger schon für die kleinsten Delikte hart bestraft wird. Das ist nicht mehr nur unrecht, sondern steht für eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die eine Spaltung der Bevölkerung vorsieht und Frust, Demotivation und eine Abwendung von Demokratie, Recht und Ordnung hervorruft.

Der Originaltext ist hier zu finden: http://ad-sinistram.blogspot.de/2014/10/das-schaufenster-des-ostens.html

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Das Schaufenster des Ostens

oder Gedanken zum Tag der deutschen Reinheit.
 
 
Die ganze Republik diskutiert darüber. Ganz Deutschland. Mindestens. Alle spüren sie jetzt der Frage nach: War die DDR ein Unrechtsstaat? Und wie stehts – war sie es? Keine Ahnung. Die Antwort ist ohnehin langweilig und bringt wenig Erkenntnis. Aber machen wir uns halt mal am Tag der deutschen Einheit darüber Gedanken. Ganz wie es sich gehört. Schön staatstragend.

Hören wir mal, was die Leute so sagen und tun:

»Die DDR war ein Unrechtsstaat«, sagte der private Sicherheitsmann aus dem Asylbewerberheim, faltete die Zeitung zusammen, legte sie weg, griff Bilal am Genick und sperrte ihn unter Tritten für sieben Stunden in den Isolationsraum.

»Doch, die DDR war ein Unrechtsstaat«, erklärte der Bundespolizist seinem Kollegen, bevor er einen Pulk von Fahrgästen am Bahnsteig erblickte, auf einen der Leute deutete und sagte: »Komm Klaus, den Neger dort kontrollieren wir mal genauer.«

»Ha, das vergangene Deutschland war Unrecht«, sagte der Anwalt von Bernie Ecclestone und bereitete sich auf einen neuen Prozess vor.

»Die DDR bestand aus Unrecht«, formulierte der Redakteur einen Satz in seinem Festtagstext, wechselte zu einem anderen Text hinüber und tippte: »Bulgaren und Rumänen sind kriminelles Risiko.«

»Sie war vollendetes Unrecht«, sagte sich der BND-Mitarbeiter, öffnete eine Datei und begutachtete die Ergebnisse der Online-Überwachung.

»Unrechtsstaat, das kannst du glauben«, tippte die Arbeitsvermittlerin in das Fenster des behördeninternen Chats, öffnete ein Schreiben eines ihr unterstellten Arbeitslosen und las als Grund der Unzumutbarkeit einer Arbeitsstelle, dass er mit 57 Jahren nicht fünf Stunden in der Hocke arbeiten könne – sie erließ eine Sanktion.

»Wir feiern einen glücklichen Tag, denn damals endete das Unrecht«, sagte der Minister in einer Talkshow, stand auf und eilte zu einem Interview, in dem er erklärte, dass die Hinterzimmerdiplomatie des Freihandelseinkommens völlig unbedenklich sei.

Oh ja, jetzt sehe ich es ein: Sie war ein Unrechtsstaat. Denn wenn so viele Ungerechte und Rechtsbrecher das behaupten, dann muss es doch stimmen. Sie sind schließlich vom Fach. Ob sie es aber objektiv war, kann man schlecht sagen. Darauf kommt es aber auch gar nicht an. Die Debatte will ja kein Licht ins Dunkle bringen, sondern das Licht von den Verhältnissen in diesem neuen Deutschland fernhalten. Wie gut, dass es die DDR noch in den Köpfen gibt. Sie wird noch gebraucht. Als Schaufenster des Ostens. Ungeahndetes Unrecht in einem Rechtsstaat ist doch viel besser als geschehenes Recht in einem Unrechtsstaat.

Nein, es ist insofern gar nicht der Tag der deutschen Einheit, sondern der Tag der deutschen Reinheit

, dem da gedacht wird. Wir sind ja so rein. So rein von Unrecht. So rein von Schuld. Einheit war, als die Reinheit in das Territorium des ehemaligen Unrechtsstaats einzog. Schade nur, dass dieser Rechtsstaat viel weniger Gerechtigkeit als Selbstgerechtigkeit hervorbringt.  
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