Stich in die Fracking-Blase

Und wer immer noch nicht glaubt, dass es beim Öl, dem Fracking und dem damit verbundenen lieben Geld um die Rettung gewisser Volkswirtschaften und die Aufrechterhaltung eines maroden Finanzsystems geht, befasse sich bitte mit diesem Artikel. Gerade die letzten 3 Absätze erklären einleuchtend, was in den USA passieren würde (teilweise schon geschieht), wenn das durch Fracking geförderte Gas nicht gewinnbringend verkauft werden kann. Der einigermaßen belesene Mitbürger sollte in der Lage sein, seine Schlüsse unter Berücksichtigung der aktuellen Weltlage und der involvierten Staaten zu ziehen.

Original hier bei der Jungen Welt https://www.jungewelt.de/kapital-arbeit/stich-die-fracking-blase

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Stich in die Fracking-Blase

Saudi-Arabien und Russland halten Ölförderniveau aufrecht. Preisverfall schadet vor allem Produzenten mit hohen Produktionskosten, auch in den USA (von Rainer Rupp)

Schon vor dem Treffen am Donnerstag in Wien war die Spannung groß. Fest stand vor der Halbjahrestagung der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) bereits, dass spätestens im ersten Halbjahr 2015 auf dem Weltmarkt ein Überangebot von einer Million Fass (Barrel, 159 Liter) am Tag für weiteren Preisverfall des schwarzen Goldes sorgen würde. Innerhalb weniger Monate war der durchschnittliche Fasspreis von 120 auf zuletzt 73 Dollar zum Zeitpunkt des OPEC-Treffens gefallen. Dort konnte man sich nicht auf einen Drosselung der Förderung einigen, die Vertreter des mächtigsten OPEC-Staates, Saudi-Arabien, hatten dies verhindert. Es scheint deshalb logisch, dass sich der Preisverfall im nächsten Jahr in Richtung 60 Dollar/Fass fortsetzen wird.

Zum großen Erstaunen der meisten Beobachter hatte der ebenfalls in Wien weilende Chef des staatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft, Igor Setschin, erklärt, auch Moskau denke nicht daran, die Produktion herunterzuschrauben, selbst wenn der Preis auf 60 Dollar pro Fass fallen würde. Moskau liege hier nahe der Position Saudi-Arabiens. Der Topmanager fügte hinzu, niedrige Preise würden den Ländern mit höheren Förderkosten am meisten schaden. Offenbar ein Verweis auf den US-Boom bei der Schieferölgewinnung. Unter Verwendung der Fracking-Methode, bei der unter hohem Druck Wasser und Chemikalien in das Gestein verpresst werden, um das dort gebundene Öl bzw. Gas herauszulösen, werden in den USA (zusätzlich zur »normalen« Gewinnung) derzeit fünf Millionen Fass am Tag aus dem Gestein gepumpt. Das wie die USA nicht zur OPEC gehörende Russland fördert gegenwärtig täglich rund zehn Millionen Fass – etwa elf Prozent der Weltproduktion.

Saudi-Arabien hatte sich gemeinsam mit den anderen Staaten des Golfkooperationsrat (GCC) bereits vor dem Wiener Treffen öffentlich festgelegt, die Förderung nicht zu bremsen. Gegen diese Front hatten Venezuela, Iran und Irak – alle drei forderten eine deutliche Kürzung der Produktionsmenge – keine Chance. Offensichtlich geht es Saudis und auch Russen bei dem Preiskampf um die Neuverteilung der globalen Marktanteile, was vor allem darauf hinausläuft, den US-Firmen die dazugewonnenen Stücke wieder abzuringen.

Der Druck des »nordamerikanischen Schieferöls (auf die Märkte) hat die Position der OPEC-Länder dramatisch untergraben und ihren Marktanteil verringert«, erklärte Gary Ross, Chef der PIRA Energy Group, am Donnerstag gegenüber dem Onlinedienst firstbiz. Die OPEC steht derzeit nur noch für ein Drittel der weltweiten Ölproduktion. Eine einseitige Drosselung würde vermutlich nur weitere Verluste von Marktanteilen an die US-Konzerne bedeuten.

Washington ist um die Stabilität seiner Fracking-Industrie durchaus besorgt. In den letzten Tagen und Wochen wurde versucht, Saudis und die anderen GCC-Staaten zu einer Reduzierung ihrer Ölfördermenge zu bewegen. Der Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Suhail Bin Mohammed Al-Masrui, sagte daraufhin der NachrichtenagenturReuters: »Das Überangebot an Öl ist durch die Entwicklung der unkonventionellen Ölförderung (Fracking) entstanden. (…) Jeder muss seinen Teil zur Wiederherstellung des Marktgleichgewichts beitragen, nicht einseitig die OPEC.« Sein saudischer Amtskollege Ali Al-Naimi wurde laut Reuters noch deutlicher: »Warum sollte Saudi-Arabien allein die Produktion zurückfahren? Auch die USA sind jetzt ein großer Produzent. Sollen die doch kürzen.«

»Die US-Schieferölrevolution funktioniert nicht bei 80 Dollar je Fass«, sagte Daniel Dicker von der Beratungs- und Analysefirma MercBlocWealth Management Solutions. Das Unternehmen mit 25jähriger Erfahrung im Ölgeschäft an der New Yorker Börse wurde gegenüber dem US-Wirtschaftsinformationsdienst Bloomberg am Donnerstag noch deutlicher. Allein in den US-Bundesstaaten Texas, Oklahoma und Kansas seien nun »plötzlich 19 Förderregionen gefährdet«. Der Grund: Vier dieser Gebiete brauchen einen Ölpreis von mindesten 100 Dollar, um kostendeckend zu arbeiten, und bei 75 Dollar fallen alle 19 aus. Laut der Beratungsfirma Drillinginfo Inc. geht es hier um 0,4 Millionen Fass pro Tag. Für die gesamte USA ergeben die Schätzungen, dass zwischen 30 und 50 Prozent der existierenden Schieferölproduzenten bei einem Weltmarktpreis von 75 bis 80 Dollar nicht mehr kostendeckend sein können.

Inzwischen haben die ersten Auswirkungen des Preisrutsches auf das Bankensystem durchgeschlagen. In der Nacht zum Donnerstag berichtete die Financial Times, dass die Finanzkonzerne Wells Fargo (USA) und Barclays (UK) einem möglichen Verlust von 850 Millionen Dollar entgegensehen, die sie vor kurzem zwei US-Ölgesellschaften als Überbrückungskredit zur Finanzierung einer Fusion zur Verfügung gestellt hatten. Deren Geschäftsmodell sei bei niedrigen Ölpreisen nicht mehr tragbar.

Vor diesem Hintergrund hat der OPEC-Preiskrieg enorme Auswirkungen nicht nur auf die Schieferölförderung und die US-Handelsbilanz, sondern auch auf die Stabilität des dortigen Finanzsystems. Die große Unbekannte ist die Höhe der Schulden, die sich bei den Unternehmen angesammelt haben. Viele hatten unter hohen Kosten Ressourcen aufgebaut, die bei sinkenden Ölpreisen schon bald hoffnungslos unrentabel sein werden. Die Fracking-Euphorie hatte auch in der Finanzbranche einen regelrechten Goldrausch ausgelöst. Die vermeintlich absolut sichere Industrie stellte große Gewinne in Aussicht, auch ohne Sicherheiten wurden große Kreditsummen gewährt – die bei der gegenwärtigen Preisentwicklung bald Schrottanleihen sein dürften.

Der Anteil der Fracking-Energieanleihen macht fast 16 Prozent des 1.300 Milliarden Dollar großen US-Junkbond-Marktes aus. Inzwischen wächst die Sorge, oder je nach Standpunkt die Hoffnung, dass eine Massenpleite von Fracking-Unternehmen und ein Platzen der Spekulationsblase das Kartenhaus der US-Finanzkaste zum Einsturz bringen könnte.

 

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