Serie: organisierter Terror der NATO in Europa_Belgien

Teil 3: Belgien (Buch Seiten 201 bis235)

nato geheimarmeenDer Schweizer Daniele Ganser befasste sich im Rahmen seiner Doktorarbeit im Fachgebiet Geschichte mit dem Phänomen Gladio und schaffte es durch Einblicknahme in (parlamentarische) Untersuchungsberichte, Zeugenaussagen und teilweise veröffentlichte Dokumente aus den Geheimdienstarchiven ein Bild davon zu zeichnen, wie es ein Netz aus Geheimdiensten, Militärs und wenigen eingeweihten Politikern schaffte, Europa politisch aber auch militärisch und gesellschaftlich zu beeinflussen und in eine den USA angenehme Richtung zu lenken.

Auch in Belgien hat die Geheimarmee ihren Ursprung im zweiten Weltkrieg. Nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen floh die belgische Regierung nach London und agierte im Exil. Dort entwickelten sich enge Kontakte zu britischen Militärs und den britischen Spezialeinheiten SOE gelang es 1942, Waffen über Belgien abzuwerfen und Agenten ins Land zu schmuggeln. Diese halfen beim Aufbau und der Ausbildung der Geheimarmee, führten Sabotageakte gegen die deutschen Besatzer durch und sammelten Informationen, die per Funk nach London weitergegeben wurden. Nach Ende des Krieges konnte die Geheimarmee bereits auf ein recht gutes Netzwerk zurück blicken und wurde von britischen und amerikanischen Geheimdiensten bewundert.

Das stay-behind Netzwerk der Belgier bestand aus zwei Abteilungen. Zum einen der militärische Zweig im militärischen Geheimdienst, dessen Mitglieder in Nahkampf, Fallschirmspringen und Marineoperationen ausgebildete Militärs waren. Ihre Aufgaben bestanden im Sammeln von Informationen, der Organisation von Evakuierungswegen und der sicheren Begleitung der Regierung ins Ausland, sollte es jemals wieder zu einer Besetzung des Landes kommen. Der zivile Zweig des Netzwerks war im Justizministerium angesiedelt und deren Mitglieder waren Techniker, ausgebildet zur Bedienung von Funkanlagen. Rekrutiert wurden bevorzugt Menschen mit starken religiösen Überzeugungen, um zu garantieren, dass sie dem Kommunismus kritisch gegenüber standen.

Wie auch in anderen europäischen Ländern waren nach Ende des zweiten Weltkrieges die USA und Großbritannien auch in Belgien über die Stärke der belgischen Kommunisten besorgt, die sich aufgrund ihrer Widerstandstätigkeiten im Krieg einer hohen Beliebtheit beim Volk erfreuten. Oberstes Ziel der Amerikaner und Briten war es daher, die Polizei schnellstmöglich zu bewaffnen und den Widerstand zu entwaffnen. Die charismatische Führerfigur der Kommunisten Julian Lahaut wurde während des Krieges von den Deutschen gefangen genommen; nach seiner Befreiung 1945 wurde er zum Ehrenvorsitzenden der belgischen Kommunisten ernannt. Er agierte offen gegen die Rückkehr des belgischen Königs Léopold, den er als Marionette der Rechten und der USA betrachtete. Als Prinz Baudouin nach Belgien zurückkehrte und 1950 als zukünftiger König seinen Eid ablegte, rief Lahaut laut im Parlament „Lang lebe die Republik“. Zwei Wochen später wurde er am 18. August vor seinem Haus erschossen.

Zu dieser Zeit war der Aufbau des stay-behind Netzwerkes bereits in vollem Gange. Der Chef des britischen MI6, Stewart Menzies schrieb im Januar 1949 einen Brief an den Premierminister Paul Henri Spaak und drängte darauf, die bisherige gute geheime Zusammenarbeit weiterzuführen. Er bot Hilfe bei Fragen der Ausbildung und Material und verwies darauf, dass bereits Ausbildungsstätten für Offiziere vorbereitet wurden. Weiterhin bat er Spaak, diesen Brief vor allem auch gegenüber der CIA geheim zu halten.

Die CIA war ihm allerdings zuvor gekommen und hatte Spaak bereits kontaktiert und so bat Spaak beide Dienste um eine Kooperation. Daraufhin gründeten alle drei Parteien die Organisation „Tripartite Meeting Belgium (TMB)“ und Spaak wurde zur Belohnung 1957 zum NATO Generalsekretär ernannt. Solche Organisationen wurden auch in anderen Ländern gegründet (Niederlande, Frankreich) und zusätzlich dazu gründete man am 17. März 1948 das Western Union Clandestine Committee (WUCC), welches als geheimes Gladio Kommunikationszentrum diente, in dem 5 Nationen einen Sitz hatten: Großbritannien, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Frankreich. Ziel war es, im Falle einer sowjetischen Bedrohung Europas vorbereitet zu sein. Ein weiteres Ziel von WUCC war es auch, „Mechanismen zu entwickeln, die es ermöglichten, kommunistische Kandidaten aus dem Kommando politischer Einrichtungen zu entfernen.“ (Seite 207).

Das Need-to-know-Prinzip wurde bei den Beziehungen der Ausbilder zu ihren Agenten rigoros angewendet. So kannten die Ausbilder ihre Agenten, aber nicht die Agenten anderer Ausbilder und natürlich auch umgekehrt. Auch untereinander kannten sich die Agenten nicht. Auf diesem Wege wurde die Verschwiegenheit des Netzwerkes sichergestellt. Wie bei den stay-behinds anderer Länder auch verfügte man in Belgien über geheime Waffenverstecke und hatte somit Zugriff auf Waffen, Munition, Goldmünzen und Sprengstoff. Außerdem waren alle stay-behind Netzwerke mit modernsten „HARPOON“ Kommunikationszentren ausgerüstet, die von der deutschen Firma AEG-Telefunken bereitgestellt wurden. Ein ehemaliges Mitglied der Geheimarmee erklärte später, dass die Identität der „Gladiatoren“ streng geheim war und nur dem CIA und dem MI6 bekannt war, die eine Akte über jedes Mitglied führten. Sogar die Fingerabdrücke waren dort vermerkt, neben Lebenslauf, Name (verwendet wurden in der Praxis nur Decknamen), Adresse, Beruf, Familie etc.

Es fanden regelmäßige Übungen in Belgien aber auch im Ausland statt. Einige davon mit U-Booten auf der französischen Mittelmeerinsel Korsika, wo man mit der französischen stay-behind Armee trainierte. Dabei wurden oft sowjetische Schiffe bei der Anlieferung in bestimmten Häfen beobachtet. Diese Übungen fanden angeblich bis 1990 statt. Ziel dieser internationalen Übungen war vor allem die Zusammenarbeit der verschiedenen nationalen Gladio Armeen. Geübt wurde zum Beispiel die Ausschleusung abgeschossener Piloten oder ausländischer Agenten, di e unbemerkt über mehrere Ländergrenzen hinweg u.a. von Norwegen nach Italien geschleust wurden, ohne einmal vom Zoll oder von der Polizei kontrolliert worden zu sein.
Der Untersuchungsausschuss des belgischen Parlaments, der später mit der Aufklärung des stay-behind Netzwerks betraut wurde, ermittelte dass Angehörige der Geheimarmee von einer Ausbildung bei Spezialeinheiten in Amerika profitierten und an NATO Übungen teilnahmen und bemerkten zu Recht, dass die USA somit über ein wichtiges Instrument verfügten, das es ihnen ermöglichte, auf die einheimische Situation eines Landes in ihrem Einflussbereich einzuwirken. Die äußerst heikle Frage zu Gladio in Europa ist demnach noch heute: „Haben die Vereinigten Staaten dieses Instrument eingesetzt, obschon es in Westeuropa keine Invasion der Sowjetunion gab? Hat die belgische Gladio ihre Waffen und Sprengstoffe auch zu Friedenszeiten benutzt oder half sie geheimen rechtsgerichteten Gruppen, die sich an derartigen militärischen Aktionen zu beteiligten? (Seite 218)

Diese Frage konnte nach Abschluss der Untersuchungen bejaht werden. Es gibt mindestens einen rekonstruierten Fall, den Vielsalm-Vorfall. Dabei griffen US Marines die Polizeistation des verschlafenen Ortes Vielsalm an wobei ein Polizeibeamter getötet wurde. Der Angriff war Teil einer regelmäßig stattfindenden Übung zwischen US Spezialeinheiten und der belgischen Geheimarmee und wurde monatelang als das Werk gewöhnlicher Krimineller oder Terroristen dargestellt. Ein Mitglied der Geheimarmee hat 1990 vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss ausgesagt, dass es neben Vielsalm auch weitere Übungen mit den Amerikanern gegeben habe. Die belgischen Behörden verwischten nach diesen Aktionen die Spuren und heikle Fragen wurden nicht beantwortet, teilweise nicht einmal offiziell gestellt.

Nach dem Anschlag von Vielsalm tauchten die gestohlenen Waffen aus dem Polizeipräsidium bei einer Gruppe von Linken auf, die für das Verbrechen verantwortlich gemacht werden sollten, berichtet der Journalist René Haquin in einer Dokumentation über die Geheimarmee. Ziel war es u.a. auch, bei der Bevölkerung den Eindruck zu erwecken, dass man in Belgien vor einer kommunistischen Revolution stehe und so versuchte man, die Kommunisten zu diskreditieren. Man spricht von Anschlägen unter falscher Flagge „false flag“. Bestätigt wurde diese These, als aufgedeckt wurde, dass die angeblich kommunistische Terrorgruppe Cellules Communistes Combattantes CCC in Wirklichkeit von Rechten aufgebaut wurde. Anführer der CCC war Pierre Carette, dem man nach dessen Verhaftung nachweisen konnte, in Verbindung mit der extremen Rechten zu stehen.

Für die Belgier ist die Rolle der Geheimarmee eine zentrale Frage, steht sie doch im Verdacht, mit den Brabant-Anschlägen in Verbindung zu stehen, die Belgien in den 80er Jahren in Angst und Schrecken versetzten. Die Anschläge zählen zu den schlimmsten Fällen von Terrorismus in Westeuropa. 16 bewaffnete Anschläge werden unter dem Begriff Brabant-Anschläge zusammengefasst, bei denen 28 Menschen starben und unzählige verletzt wurden. Die Anschläge sollten das Land in einen Schock Zustand versetzen und Angst unter der Bevölkerung verbreiten. Es handelte sich um willkürliche Angriffe auf ein Lebensmittelgeschäft, Restaurants, einen Taxifahrer, Juweliergeschäfte, eine Textilfabrik und verschiedene Supermärkte. Auffällig war, dass nur extrem wenig Bargeld erbeutet wurde, während enorme Brutalität und Professionalität im Spiel waren. Die Täter sind bis heute unbekannt. Zeugenaussagen beschreiben extrem professionelle Täter im Umgang mit den Waffen, ihrer Präzision und Unbekümmertheit. Ein Grund, warum die Verbrechen niemals aufgeklärt werden konnten ist u.a. auch dem Umstand geschuldet, dass die beiden Abteilungen des stay-behind Netzwerkes nie ihre Mitglieder preis gaben und somit auch nicht mit verdächtigen Personen und Zeugenaussagen abgeglichen werden konnten.

Ein belgischer parlamentarischer Bericht über die Massaker von Brabant wurde 1990 nur Monate vor der Entdeckung der belgischen Geheimarmee veröffentlicht. „Nach dem Bericht waren die Killer Mitglieder oder ehemalige Mitglieder der Sicherheitsdienste – Rechtsextreme, die den Schutz von hoher Ebene genossen und die einen Putsch der Rechten vorbereiteten. Es wird nun angenommen, dass die Morde von Brabant Teil einer Verschwörung zur Destabilisierung des belgischen demokratischen Regimes waren, möglicherweise um den Boden für einen rechtsradikalen Staatsstreich zu bereiten. Der terroristischen Linie folgten getarnte Leute, die dem Sicherheitsapparat angehörten, oder Leute, die dem Staatsapparat durch ein gutes Verhältnis oder durch Zusammenarbeit verbunden waren.“ (Seite 229). „Rechtsextreme Organisationen in ganz Westeuropa wurden für den Kampf als Teil einer antikommunistischen Strategie mobilisiert. Sie stammten nicht aus Organisationen, die vom Staat abwichen, sondern aus dem Staat selbst und – ganz besonders – mitten aus dem Umkreis der staatlichen Verbindungen zur Atlantischen Allianz.“ (Seite 229)

Mitglieder beziehungsweise ehemalige Mitglieder der rechtsextremen Organisation WNP wurden später bezüglich der Brabant Anschläge befragt und verschiedene Mitglieder bekannten sich zu den Anschlägen. Ein Ex-Mitglied und ehemaliger Gendarm bestätigte, dass die Geheimarmee verwickelt war um die belgische Linke zu diskreditieren. Auf die Frage, ob dieser Terror von der Administration des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan unterstützt oder angeregt wurde, sagte das Mitglied Michel Libert aus, dass sein Chef (Paul Latinus) in engem Kontakt mit den USA gestanden habe. Ein belgischer Senator stellte abschließend fest, dass „die Terroranschläge in Brabant das Werk ausländischer Regierungen oder von Geheimdiensten, die für Ausländer arbeiteten, waren, mit dem Ziel, die demokratische Gesellschaft zu destabilisieren.“ (Seite 234)

Paul Latinus gestand später Journalisten gegenüber, dass er von amerikanischen militärischen Geheimdiensten aufgefordert wurde, seine Organisation (WNP) aufzubauen. Er wurde wegen der Brabant Anschläge verhaftet, konnte aber leider nicht mehr aussagen, weil er am 24. April 1985 in seiner Zelle an einem Telefonkabel erhängt aufgefunden wurde.

Fazit: Mit Hilfe der Geheimarmee hat der amerikanische Geheimdienst nicht nur Einfluss auf die Innenpolitik Belgiens genommen (Diskreditierung der Kommunisten), sondern auch kriegerische Akte verübt (Vielsalm) oder in Auftrag gegeben (Brabant).

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